Vom Optimierungswahn

Iss keinen Zucker! Iss keine Milchprodukte! Iss Milchprodukte! Iss kein Getreide! Iss viel Vollkorn! Iss keine Hülsenfrüchte! Iss Hülsenfrüchte! Iss kein Fleisch! Iss viel Fleisch! Iss roh! Iss gekocht!

Es gibt zig Ernährungsreligionen, äh ich meine -Konzepte, die sich im Grunde alle irgendwo widersprechen, die sich alle ihre Rosinen aus den wissenschaftlichen Studien picken und die alle quasi ewiges Glück und Weltfrieden versprechen.

Meine 94jährige Oma hat mir heute erzählt, wie sie und ihre Familie in der Besatzungszeit von den Russen Erbsen und Bohnen bekommen haben, die sie erst mal zwischen die Doppelfenster legen mussten, damit die Würmer rauskriechen.

Irgendwie rückt das meine Perspektive wieder zurecht.

Ich werde auch das Gefühl nicht los, dass dieses Herumgebastle an der Ernährung, das hypochondrische Vermuten von Unverträglichkeiten bei jedem Wehwehchen in Wahrheit nur eine riesige Industrie füttert. Und der Begriff Brot und Spiele kommt mir in den Sinn.
Die Leistungsgesellschaft macht auch vor unserer Privatsphäre nicht Halt und überwuchert uns mit ihrem Druck, auch in unserer Freizeit, in unseren Beziehungen, in unserer Ernährung, unseren Hobbies perfekt zu funktionieren. Systembedingte Probleme (nicht immer sind das rein medizinische Probleme!) wie chronische Müdigkeit, Depressionen und Burnout werden zu gerne auf Einzelpersonen geschoben. Du bist ständig müde? Vertragst bestimmt den Weizen nicht.

Auch Die Zeit hat sich in ihrer Ausgabe von 21. November dem Thema (eingebildete) Nahrungsunverträglichkeiten gewidmet, deren Leitartikel kannst du hier oder in der Printausgabe, die in deiner Bibliothek bestimmt aufliegt, nachlesen.

Besser, schneller, gesünder, fitter, früher, länger, gescheiter, höher, weiter… Verlierst du dich auch manchmal im allgegenwärtigen Optimierungswahn? Welche Bereiche sind es bei dir? Und was bringt dich wieder auf den Boden, rückt deine Perspektive wieder zurecht?

Disclaimer: Es gibt Menschen, die mehr oder weniger große gesundheitliche Probleme durch eines dieser vielen Ernährungskonzepte unter Kontrolle gebracht haben. Diese mögen sich bitte ausgeklammert fühlen.

Vom Selbstbestimmungsmuskel

Seit ich meinen alkoholfreien Blogeintrag geschrieben hab und Lunalesca von ihrem Lin-Chi-Projekt berichtet, ist mir plötzlich aufgefallen, wie viele Leute eigentlich (dieses Mal) lieber keinen Alkohol trinken würden. Sie bestellen ihn trotzdem, weil es zum Fortgehen dazugehört, weil alle anderen auch Alkohol trinken oder weil es zu ihrem Image, ihrem Beruf oder ihrer Geschlechterrolle gehört.

Oder ist es bei dir etwas anderes? Ist es das Schminken, das du nur tust, weil du das Gefühl hast, es wird von dir verlangt? Isst du nur Fleisch, weil Gemüse was für Mädchen ist? Rasierst du dir die Beine im Winter nicht, aber tust dir die Prozedur zähneknirschend an, wenn es jemand sehen könnte? Postest du auf Facebook, obwohl es dich anödet? Hältst du Diät, obwohl du dich mit ein paar Kurven eigentlich genauso gut oder besser finden würdest? Schaust du das Fußballmatch nur, um am nächsten Tag mitreden zu können?

Ich sag dir jetzt die Wahrheit:

Du hast die Wahl.

Du hast die Wahl, deine Achseln zu rasieren oder nicht. Du hast die Wahl, als erwachsener Mensch Alkohol zu trinken oder nicht. Wenn dir der Urlaub ohne Kamera mehr Spaß macht, dann dürfen deine Erzählungen ausreichen. Du darfst Widersprüche in dir vereinen und du darfst Dinge anders machen als die anderen.
Was du magst, tust und findest, bestimmst immer noch du selbst!

Es wäre natürlich schön gewesen, wenn einem das mal jemand zu Beginn der Pubertät gesagt hätte oder wenn einen auch jetzt noch jemand manchmal dran erinnern würde.
Du und ich, wir sind Menschen und wir leben nicht in einem sozialen Vakuum. Die eine Wahl ist erwünschter als die andere, das heißt aber nicht, dass es keine Alternativen gäbe. Du hast ein Recht auf Alternativen, nur wird das niemand für dich aushandeln. Der Widerstand gegen soziale Normen und Gruppendruck muss also trainiert werden wie ein Muskel – unser Selbstbestimmungsmuskel.
Klar gibt es Bereiche, wo sozialer Druck gut ist, damit wir uns nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen oder damit wir anderen helfen. Aber unrasierte Beine zu haben oder kein Bier zu mögen tut niemandem weh.

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es gar nicht auffällt, wenn du etwas nicht tust!
Du wirst vielleicht gar nicht glauben, wie viele Menschen in deinem Umfeld etwas ebenfalls nicht tun, überhaupt kein Problem damit haben, wenn du etwas nicht tust – oder es wider Erwarten sogar genial finden!


Eine kleine Trainingseinheit für den Selbstbestimmungs-muskel


Bleiben wir mal beim Alkohol.
  1. Warum tust du es? – Setz dich hin und überlege dir in Ruhe, warum du Alkohol trinkst. Ob du ihn überhaupt magst, in welcher Form, wann, wieso. 
  2. Probiere es mal ohne. – Heute abend ist dein erstes Getränk alkoholfrei. Unangekündigt und unkommentiert.
  3. Beobachte.– Fällt es jemandem auf? Wird es zum Tischgespräch? Hast du das Gefühl, dich rechtfertigen zu müssen? Fühlst du dich wohl, komisch, ungewohnt, befreit?
  4. Ziehe es durch. – Es soll nicht zur Qual werden, aber wirklich interessant wird es nur, wenn du es tatsächlich durchziehst. Die anderen sind schon besoffen, du nicht. Wie fühlst du dich? Hast du Spaß? Bist du genervt? Merken es die anderen überhaupt noch?
  5. Backup. – Hab einen „Notfallknopf“ parat, mit dem du jederzeit das Experiment abbrechen kannst, wenn es zur Qual wird.
So oder nach deinem Geschmack abgewandelt kannst du (gerne erstmal in einem geschützten Rahmen) erste Erfahrungen damit sammeln, wie es sich anfühlt, auf gesellschaftliche Konventionen zu verzichten, auf die du in Wahrheit gar keine Lust hast. Vermutlich gar nicht mal so schlecht 😉

Das Wesentliche an der Sache ist, Dinge nur dann zu tun, wenn du und nur du allein darauf Lust hast und zu lernen, auch gegen den Strom zu schwimmen, wenn es sich richtig anfühlt. Dinge zu hinterfragen (auch das andere Extrem), dein Wohlfühlmaß zu finden, aber auch Extreme zu testen und Kompromisse eingehen zu können. Manchmal wird nur Konsequenz akzeptiert („Aber geh, dann kannst du heute ja wohl eine Ausnahme machen!“), oder Konsequenz fällt uns selbst leichter. Nicht jeder ist begeistert, wenn sich die Freundin die Achseln nicht mehr rasiert 😉 – aber erstaunlich viele haben unerwarteter Weise damit gar kein Problem!


Hast du schon gesellschaftlich erwünschte Verhaltensweisen aufgegeben, reduziert, adaptiert oder doch wieder gemacht? Kennst du noch anderes, was „man halt so macht“, weil es „alle machen“?