Netzgedanken

Diese Woche gabs auf Ö1 eine Sendereihe zur Frage, „Was macht das Netz mit uns?“ (den Link zum 7-Tage-Nachhören findest du rechts in der Twitter-Leiste) .

Erstens

Ich weiß, was es mit mir macht. Es zerstreut mich. Im wahrsten Sinne des Wortes. Meine Konzentration, Motivation, Energie zerstreut es. In tausend flatternde Teile. Da kurz was nachschauen, dort kurz was tippen. Automatisch 10 Tabs offen.
Ich weiß aber auch, was das Netz mit mir macht, wenn es nicht da ist. Der Tag ist konzentriert und motiviert und sehr befriedigend (selbst wenn er faul mit Buch auf der Couch verbracht wird).
Egal wie lang ich in einem Buch (oder Ebookreader) lese, ich fühl mich danach frisch und konzentriert. Egal wie lang ich im Netz verbringe, ich fühl mich danach irgendwie Matsch.

Und SCHWAPP! Gefangen im Netz. Quelle

Was ich nicht verstehe ist, warum das Netz das mit mir macht. Das konnte mir auch die Radioserie nicht wirklich erklären. Und gehts eigentlich allen so, oder nur mir und noch ein paar anderen?
Aber wenn ich mich so umschaue, dann kann eh gefühlt keine Sau mit dem Netz sinnvoll umgehen. Alle hängen sie permanent drin, zu einem nicht kleinen Teil für ihren persönlichen Geschmack zu viel. Klar gibt es auch ein Dorf von unbeugsamen Technik-Noobs wie meine 66jährige Mutter, die tatsächlich nur alle paar Tage mal ein Wörterbuch oder Wikipedia aufruft oder sich das neue Chorlied auf Youtube anhört. Die Frage ist: Was können wir anderen von denen lernen?

Zweitens

Mir ist es schon länger bewusst, dass ich mehr Zeit im Netz verbringe, als ich das möchte (oder es mir gut tut). Mindestens seit 2009, als ich durchaus mit Genugtuung aus Facebook, studiVZ und myspace ausgetreten bin, sowie meinen Account in einem intensiv genutzten Forum gelöscht habe. Sich von Social Media abzumelden ist ja ein sehr effektiver Schritt.
Irgendwann 2011 oder 2012 hab ich intensive Internetferien einlegen können. Dank Leechblock/Stayfocusd waren mir – MUAHAHAHA –  666 Stunden lang (ich weiß ich bin kindisch) nur mein Email-account, eine Wörterbuchseite und das Programm von Ö1 zugänglich. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase hab ich diese Internetferien fürchterlich genossen. Nach Ablauf wusste ich gar nicht so recht, wo ich jetzt eigentlich hinschauen soll.
Kalter Entzug funktioniert bei mir immer wunderbar, besonders hilfreich waren die regelmäßigen kurzen Internetferien in den letzten 9 Monaten. Jedes Sabbatical hat unnütze Netzgewohnheiten durchbrochen und mir meine Prioritäten noch stärker klargemacht.

In den letzten Wochen war meine Lösung ja die, dass mein Modem bei meinem Freund im Regal wohnt. Das ist dann aber auch nicht das Optimalste. Denn so wird die Zeit, die wir miteinander verbringen, zu einem zu großen Teil von mir alleine mit dem endlich-wieder-Internet verbraten. Ich schäme mich, aber so war es eben. Die andere Alternative war, auf die Uni zu gehen. Dort ist es mir aber peinlich, zu viel Zeit oder überhaupt auf zB pinterest zu verbringen. Und Bankgeschäfte etc. will ich über das unsichere Uninetzwerk auch nicht erledigen. Außerdem ist die Luft dort auf der Bib so schlecht, dass mein Kopf immer nur Watte ist und ich eh nix arbeiten oder langmächtig recherchieren könnte.

Manchmal bin ich grantig und würde am Liebsten das Netz überhaupt komplett ausmisten, Internetanschluss abmelden und basta. Aber: Kein Internet ist auch keine Lösung. Auch abgesehen von manchen äußeren Zwängen: Es gibt Dinge, die mich im Netz tatsächlich bereichern oder mir weiterhelfen. Es gibt eine Handvoll Blogs, die ich gerne lese, Radiosendungen zum Nachhören, die ich sonst immer verpasse und sowieso die praktischen Sachen (Emails, Onlinebanking, Rezepte, Fahrpläne). Nur – für diese Dinge brauche ich nicht täglich online sein. Einmal die Woche ein paar Stunden sind für mich genau die richtige Menge.
Leider weiß das meine Sucht noch nicht.( Ist es eine Sucht? Ich bin doch aber so glücklich, wenn ich offline bin.) Derzeit kann ich irgendwie nur entweder – oder. Entweder online, aber dann die ganze Zeit oder offline, aber das dann dafür mindestens tagelang komplett. Mir fehlt beim Netz der Mittelweg. Es muss doch irgendwie gehen, das blöde Netz nur für die Vorteile zu nutzen, und die Nachteile alle dezent fallen zu lassen!

Bis jetzt hat es mir geholfen, browserfreier zu werden und bestimmte Internetinhalte offline oder über geschlossenere „Plattformen“ zu nutzen. Konkret, meine Emails über die app am Tablet abrufen, Artikel nur noch über den (echt empfehlenswerten!) Offlinereader Readability lesen, Blogs per Email abonnieren. Die Gefahr des Weitersurfens über den Browser, entweder durch automatisches Taböffnen oder Links, wird vermindert und es fühlt sich auch nicht so wie Surfen an, wie Internetberieselung.
Was ich schon gut abgehakt hab, das sind Internetverpflichtungen. Das ist für mich alles, wo man sich aus irgendeinem Grund irgendwie verpflichtet fühlt, regelmäßig und über längere Zeit hinweg zu lesen oder teilzunehmen. Einen Blog oder Forum zu haben, Admin zu sein, einen Thread betreuen, ja sogar nur zu kommentieren oder lesen. Kann Spaß machen und bereichern, kann aber auch nerven. Für mich waren das früher besonders Foren. Der Blog hier wäre auch fast zur nervigen Verpflichtung geworden, aber zum Glück lernt man ja.
Eine andere Strategie, die ich parallel zu den Internetferien angewendet habe, war das Ersatzprogramm. Warum versinke ich überhaupt in die Internetberieselung, welche Seiten rufe ich auf? Befriedigt mich das tatsächlich, oder würde mich was anderes eigentlich glücklicher machen? Zwangsläufig braucht man natürlich während der Internetferien ein Ersatzprogramm, man will ja nicht auf Ewig die Wohnung putzen. Unterhaltung, Entspannung, Sozialkontakte, Wissen findet man auch hier: Büchereien, Kabarett und Theater, Spieleabende, Freunde treffen, Musik hören, selber Musik machen (statt Youtube, hm?), Vorträge und Kurse besuchen, Radio und Zeitung, sich was von anderen Leuten zeigen oder erklären lassen. Und statt Katzengifs anzuschauen kann man auch Haustiere von Freunden oder Tierheimbewohner intensiv anschmusen. Statt Internetzeitung zu lesen hör ich selber eigentlich lieber die Radionachrichten auf Ö1. Die reichen mir wirklich. Alles kurz und knackig und passieren tut eh immer nur negativer Müll. Das reicht auch 5min. Wenn ich ganz autoaggressiv drauf bin, auch mal das Mittagsjournal. Mein persönliches Ersatzprogramm sind aber vor allem Bücher und Musik.

Und überhaupt.

Alle sind im Netz. Es ist selbstverständlich. Es kann ja auch tolle Sachen. Demokratisches Verbreiten von Wissen zum Beispiel. Aber was, wenn die tollen Sachen nur 10% vom Netz ausmachen? Aber was, wenn es uns zu 90% der Zeit nur im Weg steht?
Warum häng ich dann wieder drin, verdammt, nur weil das blöde Modem wieder da ist?

Ich muss mir auch immer wieder vor Augen halten, was meine Motivation dafür ist, das Internet nur noch sehr eingeschränkt zu nutzen.
Zum einen vermisse ich die Zeit, wo ich 16 war und das Internet ein kostbares Gut, das mit Minutentaktung zeitlich begrenzt war. Krrrchz dongidong und so. Ich hatte damals irgendwie alle für mich relevanten Vorteile des Internets, aber gleichzeitig einfach auch so viel Freizeit und Motivation für Hobbies. Zum anderen passt es gerade gut in meine jetzige Phase der Internetnutzung. Ich habe das Gefühl, die Zeit der großen Entdeckungen ist vorbei. Diese Zeit war für mich 2006-2009:  Kritik an Konsum/ Leistung/ Wachstum/etc., alternative Verhütungsmethoden/ Kosmetik/ Menstruationsprodukte/ Ernährung, Einfaches Leben, Minimalismus, Linux. Es war eine Zeit, wo jeder Besuch im Netz meinen Horizont erweitert hat und meine Synapsen fröhliche Funken sprühen ließ. Jetzt grade… Gelangweiltes Stirnfransen-in-die-Höh-Pusten. Alles schon gesehn, alles schon gehört. So fühlt sich das an, und dabei komm ich nur einfach nicht aus meiner Internetblase raus.
Aber muss ich das? Ich will gar nicht. Ich bin gesättigt. Ich bin ernüchtert. Ist vielleicht gar das gesamte Netz eine Blase?

Und du? Was sind deine Netzgedanken?

PS: Apfelmädchen denkt grad über Datenschutz nach und ob sie all die Onlinedienste überhaupt braucht.

Zweitausendfünfzehn

Das Jahr ist jung (so jung, dass es übermütig ist. 20 Grad letztens, echt jetzt?), aber diese Gedanken heute sind älter – über die Feiertage konnte, gedankenverloren in das Schneegestöber starrend und die Finger am Milchtee wärmend, über das nachgedacht werden, was schon seit einiger Zeit in einem arbeitet.

Aus überschäumendem Enthusiasmus ist schleichend Pflicht geworden. Schlechtes Gewissen, wenn man gegen das ungeschriebene (achwas, ungeschrieben. Überall brüllt es einem entgegen!) Bloggergesetz der 1-3x Wöchentlichkeit verstößt. Der Druck, immer interessanten Content auf der Zunge (der Tastatur) zu haben. Die spontane Schnapsidee mit dem Adventskalenderschnelldurchlauf wurde echt zum Klotz am Bein – die Reihe bleibt daher bewusst unvollständig.

Wer jetzt denkt, das sei der Auftakt zu einem Abschiedsposting, irrt, wer vielleicht gar ein Tränchen drücken möchte, rührt (schließlich sind wir ja noch ein Miniblog, der quasi noch in die Windeln kackt). Aber so schlimm ist es dann auch wieder nicht.
Uns ist nur bewusst geworden, dass Bloggen zwar sehr nett ist, aber nicht zu unseren zentralen Hobbies gehört.

Unser People-Pleasing und auch unsere Wunschvorstellungen waren uns ein bisschen im Weg, aber nun können wir (mit trotzdem noch ein bisschen Bauchweh) unser Blog-Motto für 2015 announcen:

Musenkuss

Wir möchten es wieder ruhiger angehen lassen. Wir sind Minimalistinnen und wir möchten uns auf das Wesentliche konzentrieren, anstatt zig Hobbies nebeneinander so halbert nachzugehen. Auch wenn das Bloggen nicht mehr zentral ist, den Blog einstampfen möchten wir deswegen auch nicht gleich.
Deswegen möchten wir, ohne selbstgemachten Druck, nur noch dann schreiben, wenn uns grade die Muse küsst. Weil man nicht gleichzeitig bloggen, klettern, singen, renovieren, lesen, garteln, heiraten, tratschen kann.

Das ist für uns gar keine so einfache Entscheidung, grade jetzt wo wir immer wieder neue Leser dazubekommen (vor allem, weil wir in anderen Blogs verlinkt werden, zum Beispiel von Apfelmädchen/sadfsh und Frau Dingdong, wir freuen uns immer furchtbar wie die kleine Schnitzerln und fühlen uns so geehrt und stolz!). Und doch immer noch so grasgrün hinter den Blogger-Lauschern sind.

Aber wollen wir den Leistungsdruck und den Wachstumswahn, der uns da draußen schon so am Arsch geht, wirklich hier in den Blog lassen? Wie lässt sich Bloggen mit unserem Wunsch nach weniger Bildschirm vereinbaren? Kann man unserer kleinen, aber feinen Leserschar es zumuten, wenn nur noch monatlich oder so was kommt? Oder läuft ihr uns dann alle davon? 🙁 Miep!

Wie denkt denn ihr drüber? Als Leser, als Blogger? 

Technik-Leapfrogging

Wer das weiß, ist vor 1990 geboren. Quelle

Die gute alte Kassette. Erinnert ihr euch an das panische Gefühl, wenn die Musik immer tiefer und langsamer geworden ist und ihr keine Ersatzbatterien dabeihattet?

Ich war mal die strubbelig grünhaarige 15jährige da hinten im Postbus, die als einzige mit einem Walkman dagehockt ist. Alle anderen Schüler hatten selbstverständlich einen Discman, oder (hypehype) einen Minidiscplayer. Ich bin 1987 geboren und Kassetten sind sogar für meine Generation fast nur noch mit den drei Fragezeichen oder Benjamin Blümchen assoziiert. Musikkassetten und das Austauschen von Mixtapes kenne ich nur von meinen um ein Jahrzehnt älteren Schwestern.
Natürlich war da auch viel rebellische Coolness dabei, aber im Wesentlichen waren für mich diese Geräte noch nicht interessant. Discmen waren viel störungsanfälliger im Gebrauch und schneller kaputt und Minidiscplayer waren für mich nichts anderes als runde Kassetten. Erst CD-Spieler, die mp3-CDs abspielen konnten, machten für mich einen Discman interessant. Sie waren in meinen Augen den ersten mp3-Playern, die nur ein einziges Album speichern konnten, weit überlegen.
Irgendwann hatten fast alle in meiner Klasse einen Laptop, aber ich blieb bei meinem Stand-PC. Ich wollte einzelne Komponenten austauschen können und hatte kein Platzproblem. Die Preise für Notebooks mit einer ordentlichen Grafikkarte waren gesalzen und in meinen Augen gab es nichts Durchschlagendes, was einen Laptop (für mich) rechtfertigen konnte.
Heute hat sich bei mir der Laptop durchgesetzt (wobei ich zugegebener Maßen die leistungsstarke Grafikkarte zu meinen Freund outgesourct hab *hust*). Ich hab ein Tastenhandy, aber dafür ein Tablet – das Smartphone hab ich einfach mal übersprungen.
– Und das ist meine Methode, mit neuen Technologien umzugehen:

Leapfrogging – abwarten, beobachten und springen

Den Begriff Leapfrogging kenne ich aus der nachhaltigen Entwicklung. Statt dass andere Länder unsere Entwicklung Schritt für Schritt kopieren, hofft man dass sie unseren ungesunden Mist elegant überspringen und gleich nachhaltig werden.

In einer Welt, in der instabile Beta-Versionen (egal von was) in exponentieller Geschwindigkeit auf den Markt geworfen werden, um im Wachstumswahn nicht unterzugehen, ist es umso wichtiger, nicht immer alles gleich mitzumachen, sondern sich erstmal zurückzulehnen und alles bewusst zu beobachten.

Neu ist nicht immer besser, nicht jede Technologie setzt sich durch. Nicht jede Technologie hält in der Praxis, was sie verspricht.
Erstmal abwarten und an anderen und den Medien beobachten, mit der alten Technologie und Version zufrieden bleiben (war man doch auch wie die neu war, oder?), Vorteile und Nachteile gut abwägen, kritisch bleiben, mit dem eigenen Lebensstil abgleichen usw.  – Eigentlich ganz ähnliche Überlegungen, wie ich hier zum Thema Kosmetik und Bedürfnisse geschrieben hab.

Leapfrogging ist für mich die Einsicht, dass der heutige Fortschritt nicht real ist, sondern durch Zersplitterung, geplante Obsoleszenz und bewusste Reizüberflutung künstlich in unseren Köpfen erzeugt. Es ist kein echter Fortschritt, weil sich die Versionen von immer kürzerer Lebensdauer nur marginal voneinander unterscheiden. Mit Zersplitterung meine ich die Methode, Zwischenversionen mit winzigen Änderungen auf den Markt zu bringen und damit Innovation zu suggerieren. Anstatt sozusagen von Version 1.0 auf 2.0 zu springen, kommen lauter Versionen 1.1, 1.2, 1.3 usw. raus und werden als Innovationen vermarktet. Durch die Reizüberflutung durch die schier unglaublichen Warenwelt des Kapitalismus, in der die Vielfalt künstlich erzeugt ist, kann man diesen Fakt leicht übersehen.
Das Rad war eine Innovation. Die Dampflok war eine Innovation. Der Computer war eine Innovation. Das iPhone5 ist keine Innovation.

Leapfrogging hat auch viel mit dem Bewusstmachen der eigenen Bedürfnisse und der realistischen Einschätzung des eigenen Lebensstils zu tun. 
Ich persönlich backe kaum, und wenn dann Muffins oder Pizza, wo man nix aufschlagen muss. Dafür reichen mir mein Low-Tech-Kochlöffel und meine Hände. Ein elektrischer Mixer erleichtert mir nicht mal die Arbeit.

Nicht in allen Bereichen kann man sich dem immer Neuesten entziehen oder möchte es gar. Sei es durch den Beruf oder weil man einfach Freude dran hat. Ich steh auf frisch aufgesetzte PCs und hab daher überhaupt kein Problem damit, wenn meine Linux-Distro zwei Mal im Jahr eine neue Version rausbringt, ich setz sowieso neu auf.
Der Punkt ist aber, dass man in einem größeren Ausmaß selber bestimmen kann, inwieweit man sich am (vermeintlichen) Fortschritt beteiligt, als man vermutet.

Auch wenn es scheint, dass Leapfrogging eine Methode vorrangig für technikaffine Menschen ist, die immer ein Auge auf die neuesten Entwicklungen geworfen haben, denke ich dass es auch für techniküberforderte/desinteressierte Leute entspannend sein kann, zu wissen, dass auch den Nerds und Geeks die Geschwindigkeit durchaus auch auf den Senkel geht. Dass unter der Geschwindigkeit die Qualität leidet und dass sie ruhig bis zum bitteren Ende an ihrer „veralteten“ Technologie festhalten können, wenn sie ihre (echten, nicht von der Industrie erzeugten) Bedürfnisse stillen kann.

Wie gehst du mit der gefühlt exponentiellen Beschleunigung des technischen „Fortschritts“ um?